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„Die Arbeitgeber wollen weg vom klassischen Acht-Stunden-Tag und fordern mehr Flexibilität. – Wie sehen Sie das: Könnte es ein Vorteil sein, an manchen Tagen zwölf oder dreizehn Stunden zu arbeiten, an anderen dafür mehr Zeit für Familie, Freunde und Hobbies zu haben?“

Textet „Deutschland Radio Kultur“ auf Facebook.

Arbeiten bis zum Umfallen ist in der Gastronomie keine Ausnahme, sondern ein erzwungener Zustand. In der Gastronomie besteht noch für fast jeden die Chance kurzfristig einen Arbeitsplatz zu finden. Die Gastronomie ist der Arbeitsmarkt der Verzweifelten. Nicht der Fachkräfte.

Das Personal in Deutschland im Jahr 2015 ist so billig und willig, dass die Wirte es sich leisten können jede Position doppelt zu besetzen. Das ist auch notwendig. Denn nur die wenigsten Bewerber schaffen es körperlich auch nur einen Monat in der Gastronomie durchzuhalten.

In den vergangenen Monaten habe ich in unterschiedlichen Gastronomischen Betrieben gearbeitet. Angefangen habe ich als Aushilfe im Service auf „Events“ / Veranstaltungen, zu einem Stundenlohn von brutto € 7,50 und ab Uhr 22.00 dann brutto € 10,00. Das Trinkgeld wurde vom Chef unter allen Mitarbeitern geteilt und war stets so reichlich, dass ich davon mein Fahrgeld zahlen konnte und noch Geld über hatte. Wir alle wurden nach getaner Arbeit in Bar ausgezahlt. Während der Arbeit durften wir kostenlos Essen und trinken. Die Arbeit war stets gut organisiert und die Arbeitszeit auf max. 8 Stunden begrenzt. Die „Events“ haben mir immer sehr viel Spaß gemacht.

Meinen folgenden Arbeitgeber hatte ich über den „Event-Job“ kennengelernt. Ein alteingesessenes Restaurant, welches in der 3. Generation im Familienbesitz ist. Dieses Restaurant befindet sich am „Hot-Spot“ der Stadt und ist ein Magnet für Touristen. In der Saison werden dort etwa so viele Gäste  in der Stunde bewirtet, wie bei McDonalds am Hauptbahnhof. Allerdings mit weitaus weniger Personal und auf weniger Fläche.

Der Chef hat mich Anfang April 2015 angerufen und ich habe dort am nächsten Tag als Service-Kraft im Restaurant angefangen. Meine Aufgaben waren:

– Essen servieren.

– Getränke servieren.

– Eindecken.

– Abräumen.

Wir vereinbarten einen Stundenlohn von € 10,00. Ohne Trinkgeld. Denn das Trinkgeld wird in diesem Betrieb vom Chef nicht an das Personal ausgezahlt. Das behält der Chef selbst. Essen und Trinken sind vom Personal zu bezahlen.

Mein Arbeitstag begann überwiegend bereits um Uhr 10.00. Selten um Uhr 12.00 und endet überwiegend um Uhr 22.00. Zeit für eine Pause gab es für uns erst am Nachmittag, ab Uhr 15.00. Sitzen war uns allen während des gesamten Arbeitstages nur in der 15 min. Pause  möglich.  Die Pause musste im Restaurant verbracht werden. Dieses Restaurant war darauf ausgerichtet, so viel Umsatz wie nur möglich zu generieren. Uns wurde verboten mit Gästen zu sprechen. Weil dafür keine Zeit sei. Wir hatten nicht einmal Zeit um etwas zu trinken oder um regelmäßig auf die Toilette zu gehen. In diesem Restaurant gibt es für das Personal nur eine winzige Toilette. Wenn mache Kollegen körperlich eine Auszeit brauchten, dann schlossen sich diese dort ein. Was dazu führte, das immer einer der Kollegen den Schlüssel für die Toilette suchte.

Bereits am 3. Tag drückte der Chef mir € 1000,00 als privates Darlehen in die Hand. Geld welches ich dringend brauchte. Aus dieser Verpflichtung heraus, habe ich mich den dortigen Arbeitsbedingungen angepasst. Meine Füße und mein Rücken schmerzten bereits während des ersten Arbeitstages und diese fürchterlichen Schmerzen blieben auch noch nach Wochen. Es schmerzte so sehr, dass ich wenn ich nach 14 Stunden endlich wieder zu Hause war, nicht schlafen konnte. Auch die 2 Freien Tage änderten kaum etwas an den Schmerzen. Meine Kollegen hatten ein Rezept gegen die Schmerzen: 800er Ibuprofen.

Jeder Winkel des Restaurants wird mit Kameras überwacht. Auch die Küche. Alles. Egal wo sich der Chef befindet, er wertet die Filme täglich aus. Darum begannen seine Gespräch häufig mit: „Ich habe Dich beobachtet! Du hast etwas von dem Gast bekommen. Was hat er Dir gegeben?“

Am 23. April schließlich, begann ich den Tag bereits mit Kopfschmerzen und Husten. Auf der Arbeit, wurde es nicht besser. Gegen Nachmittag habe ich mich dann das erste Mal übergeben. In den folgenden Stunden wurden meine Schmerzen schlimmer und schlimmer; Und ich tat etwas, was ich noch nie im Job getan hatte, ich setze mich in eine Ecke hinter dem Tresen, in jeder Minute welche sich bot. Der Chef kam am frühen Abend. Zu dem Zeitpunkt hatte ich das zweite Mal erbrochen und mir war kalt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits 10 Arbeitsstunden geleistet. Dem Chef bat ich darum gehen zu dürfen. Er antwortete:

„Bleib doch noch ein bisschen.“

Nach einer weiteren halben Stunde setzte der Schüttelfrost bei mir ein. Darum setzte ich beim Chef durch, dass ich unverzüglich Feierabend machte. Die Heimfahrt mit der S-Bahn und dann mit dem Fahrrad nach Hause habe ich irgendwie überstanden. Es war eine Lungenentzündung, welche mich schließlich als Notfallpatientin in Krankenhaus verbrachte.

Im April  habe ich bis einschließlich dem 23.04.2015 jedes Wochenende und jeden Feiertag gearbeitet. Meine Wochenarbeitszeit betrug min. 50 Stunden. Für die von mir geleistete Arbeit, etwa 150 Stunden im Monat April, habe ich ein privates Darlehen von:

€ 1000,00 erhalten.

Die Fahrtkosten zum Arbeitsplatz habe ich selbst gezahlt.

Mein Stundenlohn war:

€ 6,67

Bereits am 06.Mai bin ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurück gekehrt. Mir wurde ein festes Arbeitsverhältnis  und ein brutto Gehalt von:

€ 2000,00

Angeboten.

Darauf bin ich eingegangen. Meine neue Aufgabe bestand darin, den Biergarten des Restaurant zu führen. Auch an diesem Arbeitsplatz war es nicht erlaubt, sich zu setzen. Aber ich genehmigte mir in Zeiten, in denen keine Gäste anwesend waren, das sitzen auf einer Getränkekiste oder setzte mich auf eine Bank. Meine 40 Stunden Woche hatte ich an 3,5 Tagen bereits auf der Uhr. Wenn das Wetter zu unangenehm war, dann wurde der Biergarten geschlossen und ich nach Hause geschickt. Auch mein Trinkgeld im Biergarten hatte ich abzugeben.

Einen schriftlichen Arbeitsvertrag hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen / nicht erhalten. Aber der Chef gab mir einen Vorschuss von:

€ 350,00

Welchen ich dringend brauchte.

Gegenüber meines Arbeitsplatzes wurde ich von einer Kamera mit Tele-Objektiv gefilmt. Zusätzlich wurden Kollegen und andere Personen platziert, welche mich beobachteten.

Der Chef kam dann rüber mit den Worten: „Ich habe Dich beobachtet. Du hast zu viel mit den Leuten gequatscht. Wer war der Mann mit dem Du so lange gequatscht hast?“

In diesem Betrieb erhält jeder Mitarbeiter einen Stick für die Zeiterfassung. Leider erhält keiner der Mitarbeiter am Ende des Monats einen Ausdruck der Zeiterfassung. Überstunden werden in diesem Betrieb grundsätzlich nicht bezahlt. Freistellungen für an Wochenenden und an gesetzlichen Feiertagen geleistete Arbeit gibt es nicht.

Auch an diesem Arbeitsplatz war es nicht erlaubt, sich zu setzen. Wenn das Wetter zu unangenehm war, dann wurde der Biergarten geschlossen und ich nach Hause geschickt. Nach meiner ersten Gehaltsabrechnung erhielt ich endlich einen Arbeitsvertrag ( 40 Stunden Woche ) und eine weitere Lohnerhöhung:

brutto 2.500,00

Leider kam ich nur einmal in den Genuss eines so hohen Gehalts. Denn meine Kündigung bekam ich zum 3.Juli 2015. Die Lohnzahlung war nicht vollständig. Das fehlende Geld wurde mir nach Anmahnung nachträglich angewiesen.

Gestern habe ich mit meiner Freundin, einer sehr fleißigen und sehr guten Küchenhilfe des Restaurant telefoniert. Sie hat eine Thrombose im Bein erlitten. Sie arbeitet dort seit März 2015, also 4 Monate immerhin. 12 Stunden stehen in der Hitze stehen. Nicht mit ausreichend Flüssigkeit versorgt zu werden, hat ihre Gesundheit ruiniert. Zum Glück lebt sie noch.

Im Julie habe ich bei einer gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung als Ausbilderin 3 Tage / 32 Stunden, zur Probe gearbeitet. Diese Position war laut Stellenausschreibung mit einem Monatslohn von brutto:

€ 2700,00

dotiert. Bei einer 40 Stundenwoche entspricht das einem Stundenlohn von brutto:

€ 16,88

Zu einem Arbeitsvertrag ist es leider dann nicht gekommen. Zur Zeit warte ich noch auf meinen Lohn für das Probearbeiten…

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