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Gram Parsons hatte sich in der Qualität des Heroin für seinen ungewollt letzten Druck verschätzt. Ein Arzt hätte sein Leben retten können. Ein Sanitäter auch. Seine Freunde aber riefen keinen Arzt. Denn sie fürchteten Sanktionen und eine schlechte Presse. Den anwesenden Girls fiel nichts besseres ein, als dem Bewusstlosen durch Fellatio zu reanimieren. Sie hatten tatsächlich Erfolg damit. Denn Gram Parsons kam kurz zu sich. Seine letzten Worte waren: „Hey, was macht ihr da?“ Dann versagte sein Herz endgültig und er starb mit nur 27 Jahren einen dummen Tod.

 

„Kein Arzt. Bitte, bitte kein Arzt!“ Kennen Sie solche Situationen von sich selbst oder aus Ihrem sozialen Umfeld? Jemanden wie meinen Freund „Harry“? Dessen riesiges Furunkel am Bein therapierte ich einst mit Zahncreme und Suppenlöffel aus dem Eisfach. Aber meine Bemühungen retteten ihn nicht vor einer Operation. Sein Leiden wurde lediglich um einige Stunden verlängert. Harry hätte in jener Nacht sein Bein verlieren  oder spontan an einer Sepsis sterben können.

Ein anderes Mal war ich gezwungen einen „Shake“ durch Handauflegen und ein Gebet zu „heilen“. So spontan wie der „Shake“ kam, ging er tatsächlich wieder. Aber auch dieser Patient hätte jeden Moment unter meinen Händen sterben können. Bis zu jener Nacht,  wusste ich nicht einmal was ein „Shake“ ist. Nie zuvor hatte ich einen Menschen in so einem Zustand gesehen. Zu meinem persönlichem  Glück auch kein weiteres Mal. Sollten Sie bei einem „Shake“ erste Hilfe leisten müssen, dann beachten Sie bitte folgendes:

Was auch wichtig bei einem shake ist:
das man schaut das derjenige, sich durch das heftige klappern mit dem gebiss, sich nicht auf die zunge beisst oder sie evtl. verschluckt.
Denn sogar nur durchs draufbeisen, kann die zunge so anschwellen, dass man atemprobleme bekommen kann.                                                                                                        Quelle: Was tun gegen einen Shake?

Beim Zerfall des nächsten Patienten habe ich ebenfalls zuschauen müssen. Der Mensch an meiner Seite wartet sei Dezember auf seine Krankenkassen-Versicherten-Karte von der AOK. Sieben Jahre hat dieser Patient keinen Arzt aufgesucht. Aus finanziellen Gründen. Denn er gehörte bis Dezember 2015, zu jenen 600.000 Deutschen Bürgern welche nicht durch die Deutsche Pflicht-Krankenversicherung  versichert sind. Dieser Patient wurde innerhalb weniger Tage wirr im Kopf. Folglich tippte ich auf eine Psychose. Das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er klagte darüber, dass seine Sehkraft schwächer geworden sei. Die Tage verbrachte er überwiegend mit ausruhen und kurzem Schlaf. Auch nachts fand er keine Ruhe, denn ein unstillbarer Durst, trieb in mehrmals in der Stunde zum Wasserlassen. Die nächste Stufe war, dass er sich ständig erbrach. „Wann wirst Du zum Arzt gehen?“ Und meine Nachfragen wurden immer drängender. „Montag. Ich gehe Montag zum Arzt!“ Blieb die Antwort. „Versprich mir, dass Du mir sagst wann ich den Krankenwagen rufen soll!“ Die Nacht von Samstag auf Sonntag wollte ich nicht schlafen,sondern den Patienten im Auge behalten. Ich wollte. Aber dann wurde ich durch lautes Schreien aus dem Schlaf gerissen.  „Wach auf. Hilfe!Wo bist Du?“ Das verzweifelte Schreien und den Anblick des Patienten werde ich niemals vergessen. „Seit 3 Stunden versuche ich Dich zu wecken!“ Der Patient bekam keine Luft mehr. „Ich rufe Dir jetzt einen Krankenwagen?! Du willst einen Arzt?!“ Fragte ich überflüssiger Weise. Ich fühlte mich wie in einem Horrorfilm. Wut stieg in mir auf. Denn der Patient war offenkundig dem Tod näher als dem Leben. Wut auf mich selbst, dass ich mich auf so etwas eingelassen hatte. Und Wut auf den Patienten. Weil er sich und mich in so eine Lage verbrachte. „Ja, ja!“Er schrie in seiner Verzweiflung wie am Spieß. „Gut, dann hör sofort auf hier rum zuschreien. Ich telefoniere jetzt. Sei ruhig!“ Erwiderte ich bestimmt. Das blieb er dann auch. In Filmen ist es nie ein Problem einen Notarzt ins Haus zu holen. Die Realität allerdings ist eine andere. Das Telefon des Notarztes war nicht besetzt. Es lief auch kein Anrufbeantworter. Die Zentrale forderte mich auf, alle 10 min. wieder anzurufen. Dafür hatte ich keine Zeit. „Rufen Sie einfach 112. Rufen Sie einen Krankenwagen!“ Forderte mich die freundliche Dame vom Städtischen Krankenhaus, welche ich in meiner Verzweiflung anrief auf. Das tat ich. „Der Patient hat einen Zuckerschock.“ Hörte ich mich sagen und dass er dringend Hilfe brauche. Von meinem ersten unerhörten Notruf bis zum Eintreffen des Krankenwagens, verging eine Stunde. Die Rettungssanitäter, ein Mann und eine Frau im Alter von Anfang bis Mitte zwanzig,  hatten keinen Notarzt dabei. Die Rettungssanitäterin war zänkisch. „Beruhigen Sie ihn. Er fällt sonst ins Koma!“ Gab Sie mir Anweisungen. „Er braucht Sauerstoff! Lassen Sie ihn Ruhe mit ihren Sprüchen!“ Rutschte mir raus. „Lassen Sie mich in Ruhe, bitte. Ich kriege keine Luft!“ Rief der Patient mit letzter Kraft. „Sie müssen sich beruhigen. Atmen Sie durch die Nase!“ Brüllte die Sanitäterin. Während ich Schutzgebete sprach und Hand auflegte, schaltete irgendwas in meinem Kopf um und zum ersten Mal in meinem ganzem Leben benutzte ich folgende Worte: „Halt die Schnauze. Halt jetzt mal Dein Maul!“ Meine Stimme klang kalt und bedrohlich und meine Worte galten ihr.  Die Sanitäterin staunte kurz, um dann in wüste Beschimpfungen zu verfallen und mich des Zimmers zu verweisen. Nach 5 Minuten rief sie wieder nach mir. Ihr Kollege hatte inzwischen einen transportablen Stuhl aus dem Auto geholt. Der Patient musste Wasserlassen und ich legte ihm eine leere Volvic-Flasche dafür an. Irgendwann schafften es die beiden den Patienten in den Stuhl zu setzen. „Wo ist seine Krankenkarte?“ Fragte die Frau. „Muss ich Ihnen alles mehrfach sagen? Er hat keine Krankenkarte. Hätte er eine, dann würde er jetzt nicht hier liegen!“ Sie trugen ihn auf die Straße. Damit er nicht fror bat ich sie, die Bettdecke mitzunehmen. Auf der Straße hielt ich den Patienten durch Streicheln und Ansprache bei Bewusstsein. Bis der Arzt eintraf. Seinem Gesichtsausdruck nach, war der Patient bereits tot. Unverzüglich tat der Arzt das, was die Sanitäter verweigerten. Er gab ihm eine Sauerstoff-Maske. Der Patient liegt noch auf der Intensivstation. Sein Zuckerwert lag über 900.  War zeitweise nicht mehr messbar. Er hat einen Schlaganfall erlitten. Er wird überleben. Aber das er überlebt hat, ist nur seiner außergewöhnlich guten Konstitution zu verdanken. Es gibt nur wenige Dinge für die ich mich wirklich schäme. Zugeschaut zu haben, wie ein Mensch zerfällt und nicht zu handeln, gehört dazu. Machen Sie es besser.

 

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